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Das Interview mit dzw-Chefredakteur OLIVER PICK

DENTAGEN Info 2019/01


Datensätze sind das Gold der Zukunft, sagt er. Über seinen bemerkenswerten Berufsweg bis hinauf in den Chefsessel der DZW, über seine Zeit mit dem so umstrittenen wie legendären Jürgen Pischel, über die Herausnahme der Zahntechnik aus der klassischen DZW, verbunden mit einem ganz neuen Produkt für Laborinhaber und Zahntechniker, über digitale Kioske, deren Nutzung noch viel Luft nach oben lässt und seine Faszination für die technische Handwerkskunst der Eskimos, sprach Journalist Bernd Overwien für DENTAGEN INFO mit dem neuen DZW-Chefredakteur Marc Oliver Pick (54).

Student, Aushilfsfahrer für ein Den­tallabor, DZW-Chefredakteur? Das klingt nicht nach einer klassischen Berufsbiografie?

Wahrlich nicht. Ich gehöre auch zu denen, die so in den Journalismus hineingestolpert sind. Tummel mich dort aber seit fast 25 Jahren mit nicht nach­lassender Begeisterung.

Was wollte der im beschaulichen Siegburg gebürtige Rheinländer denn eigentlich mal werden?

Nach dem Willen meiner Eltern „was Vernünftiges“. Nach dem Abi habe ich einen Ausflug in die Landwirtschaft gemacht…

… als Spargelstecher… ?

(lacht) Nein, ich habe ein Studium der Agrarwissenschaften begonnen. Kurz vorm Vordiplom kam das erste unserer drei Kinder. Irgendwie war der Zug zurück zur Uni dann weg. Das habe ich dann meinen Eltern beichten müssen, die mich in Sachen Ausbildung immer unterstützt haben.

Und wann kam der Kontakt zur dentalen Welt zustande?

Ich war immer ein kreativer Technik­freak. Habe dann begonnen, Design zu studieren in Köln. Eigentlich das, was ich wirklich wollte. Aber es war eher ein Zufall, dass ich mir ein paar Brötchen als Fahrer bei einem Labor dazu verdient habe. Allerdings: Ich hab den Technikern viel und intensiv über die Schulter geschaut. Als ich nach einem Jahr ein paar Mark mehr haben wollte, hat der Laborinhaber das mit der Begrün­dung abgelehnt, ich würde ja nichts produzieren.

Was haben Sie gesagt?

Tja, ohne Logistik geht aber auch nichts. Schließlich müssen die Arbeiten ja zwischen Praxis und Labor und wieder zurückgebracht werden. Sorgfältig und zuverlässig. Hat nichts genutzt.

Und wie kam der erste Kontakt zur DZW?

Ein Bekannter hat mir erzählt, da ist eine kleine Truppe in der Rheinaue, die schreiben für Zahnärzte. Die brauchen jemanden für die Texterfassung. Ich habe angefragt. Der damalige Chefredakteur Jürgen Pischel hat sein Okay gegeben und mich anschließend immer mit einem anderen Mitarbeiter verwechselt. So wichtig war ich damals…

Haben Sie da schon geschrieben?

Nein. Aber man hat mir zugetraut, Produktinformationen zu redigieren. Quasi die allzu werblichen Elemente heraus zu bügeln.

Das war noch während des Design-Studiums?

Ja. Jürgen Pischel bot mir zwar ein 18-monatiges Volontariat an, aber ich wollte unbedingt das Studium erfolgreich beenden. Einen Schein daheim bei meinen Eltern vorlegen können. Was zu Ende gebracht zu haben.

Sie haben danach aber dann fest bei der DZW angeheuert?

Das war auch so ein Glücksfall. Es passte halt gerade. Ich habe dann auf einem anderthalbjährigen Volontariat bestanden, denn auch das wollte ich mit Papier in der Tasche haben. Jürgen Pischel hatte das nicht für notwendig gehalten, aber ich wollte halt einen richtigen Abschluss. Testamentiert sozusagen.


Pischel war ja wahrlich nicht unumstritten. Was haben Sie von ihm gelernt, wie sehen Sie es heute?


Er hat mich früh mit zu Terminen genommen. Ob bei Dentsply, Degudent und sonst wo immer in der produzierenden Industrie oder bei großen Dienstleistern war er es, der die unbequemen Fragen stellte. Das Hochglanz-Firmenportrait interessierte ihn nicht. Wenn die Jubelarien vorbei waren, stand er oft auf und ging sofort ans Einge­machte: ‚Nun sagen Sie mal, wie viele Einheiten haben Sie wirklich im Markt‘. Bekam er keine Antwort, ging er einfach. Seine Kommentare im Blatt wurden dann oft als Krawalljournalismus abgetan, es gab viel Kritik von Standesorganisationen.

Aber kurioserweise wussten viele immer was drin stand. So ein bisschen wie bei der BILD, keiner liest sie angeblich, aber auch Akademiker reden über deren Schlagzeilen. Stimmt es eigentlich, dass die DZW der längste Aprilscherz der deutschen Dentalbranche ist?

(lacht) Ja, das ist gut. Tatsächlich wurde das Blatt, dem wenige eine wirtschaftliche Erfolgsstory zutrauten, an einem 1. April vor 32 Jahren auf den Markt gebracht. Die dachten, Verleger Prof. Hinz, der ja damals selbst in Standes­organi­sationen tätig war, lässt da mal einen bunten Luftballon hoch. Damals gab es ja viele Fachblätter, aber sämtlich mit Spezial­themen. Die DZW war die erste größere Publikation, die versuchte, umfassend über die beruflichen Herausforderungen in Praxis und Labor zu berichten. Natürlich zahn­medizinisch Fachliches, aber auch Themen wie Abrechnung, Personalführung und Praxisübergabe – was natürlich heute das große Thema ist. Heute polarisiert die DZW zwar nicht mehr so stark, stellt aber unterschiedliche Meinungen – seien sie noch so hart – gegenüber. Der Leser soll entscheiden, wem er folgt.

Das führt zum Stichwort Struktur­wandel. Nach Jürgen Pischel und Frau Dr. Marschall ist jetzt Oliver Pick Chef­redakteur. Wie reagiert die DZW auf den ja fast schon revolutionären Wandel in der dentalen Welt?

Ich finde, wir erleben eine rasante technische Evolution. Revolution ist mir zu krass. CAD/CAM, 3D-Drucker, Oral­scanner – das kam ja nicht über Nacht. Hinzu kommt der Trend zu den Medizinischen Versorgungszentren. Praxisübergaben und Praxisverkäufe sind schwieriger geworden.

Da geht so manche Lebensplanung mit Blick auf die erhoffte Altersvorsorge zunichte. Was sagen Sie da Ihren Lesern, die bekanntlich in der Mehrzahl so zwischen 50 und 65 sind?

Sich viel früher mit der Thematik beschäftigen. Wer 25 Jahre so gut wie nichts in die Praxis oder ins Labor investiert hat, der kann doch nicht erwarten, dass er mit 65 Jahren so schwupp-die-wupp einen Nachfolger oder gar Käufer findet. Wir geben da regelmäßig kompetenten Support. Wir haben etwa Peter Kapperts Oralscanner- und 3-D-Druckertest veröffentlicht. Das war riskant. Aber kam an. Und jetzt wollen Firmen ihre Produkte schicken und ebenfalls bewerten lassen. Die Zeiten dafür sind da.

Sie halten insbesondere mit der Digi­talisierung ein Miteinander von Praxis und Labor auf Augenhöhe für unabdingbar. Was ist aus Ihrer Sicht der Status Quo in dieser nicht immer einfachen Beziehung?

Datensätze sind das Gold der Zukunft. Schürfen können es nur Zahnmediziner und Zahntechniker gemeinsam. Die klassische Abformung ist vielleicht noch nicht ganz vorbei, aber dem Oralscanner gehört die Zukunft. Und viele Labore sind da viel weiter als ihre Kunden. Da rückt was immer intensiver zusammen.

Die DENTAGEN als Genossenschaft hat rund 900 Mitgliedsbetriebe…


Donnerwetter, habe ich so nicht gewusst. Das ist schon eine Ansage…

Glauben Sie, dass der Genossen­schaftsgedanke auch für Zahnmedi­ziner interessanter wird?

Durch die MVZs geschieht doch schon etwas in die Richtung. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich auch junge Zahnmediziner und vor allem die vielen jungen Zahnmedizinerinnen mit dem Genossenschaftsgedanken anfreunden können. Interessant: wenn ich früher an Genossenschaft gedacht habe, habe ich an Saatgut und Holzkohle gedacht. Die DZW wird sich intensiver mit der Thematik beschäftigen. DENTAGEN ist ein gutes Beispiel.

Das freut uns. Was kann der Laborinhaber, der Zahntechniker denn in Zukunft von Ihrem Haus erwarten?

Wir werden die Zahntechnik aus der klassischen DZW in Print heraus­nehmen. Keine Sorge, jetzt kommt´s. Wir erarbeiten ein Supplement, das sich mit zahntechnisch relevanten Themen, aber auch mit besonderen Menschen in dem Berufsfeld ausführlich beschäftigt. Es wird im 3. Quartal des Jahres, ganz sicher aber im 4. Quartal des Jahres 2019 erscheinen. Eine umfassende Publikation mit geplanten 60 Seiten, die kostenfrei, weil durch Anzeigen finanziert, direkt ins Labor kommt. Wir kopieren keine bereits im Markt vorhandenen Publikationen, wir wollen eben anders sein. Wie die DZW immer anders war und ist.

Das Zeitungssterben allgemein scheint unaufhaltsam. Ist die DZW davon verschont geblieben?

Nein. Nur die Auflage, die heute bei 47.000 liegt, ist langsamer gesunken als prognostiziert. Ebenso ist aber die Nutzung unserer digitalen Angebote nicht so hoch wie erwartet. Was wir auf www.dzw.de verbreiten, kann ja jeder kostenlos lesen. Wir bieten die DZW auch in einem digitalen Kiosk an, da muss man sich registrieren. Wir möchten ja zumindest die Namen der Nutzer wissen. Zudem gibt es die Möglichkeit, mit einer Stichwortangabe im Archiv nach speziellen Artikeln und Themen zu suchen. Wir sind da wirklich gut aufgestellt.

Chefredakteur und Privatleben. Zeit für Hobbys?

Ich versuche es. Erst die Familie natürlich und dann habe ich mir ein Kajak zugelegt. Da ich technikaffin bin, hat mich die Kunst der Eskimos und anderer indigener Völker, aus Knochen, Tierhaut und anderem Naturmaterial ein sehr taugliches Wasser­fahrzeug herzustellen, immer fasziniert. Ohne einen einzigen Nagel oder Leim. Wahnsinn.

Haben Sie so eins?

Ja, tatsächlich, es ist schlank und extrem leicht – ein sehr elegantes Fahrzeug.

Herr Pick, vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: DENTAGEN Info 2019/01